Dunkelheit, bleib bei mir

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  • 978-3-938803-79-0
Schweden im Frühjahr 1940. Finnland und die Sowjetunion befinden sich in der letzten Phase... mehr
Produktinformationen "Dunkelheit, bleib bei mir"
Schweden im Frühjahr 1940. Finnland und die Sowjetunion befinden sich in der letzten Phase des Winterkriegs. Während die schwedische Regierung auf Neutralität besteht, wünschen sich große Teile der Bevölkerung ein aktives Eingreifen in den Krieg. Überall in Schweden brodelt der Antikommunismus, bis er sich schließlich (wenige Tage vor dem Sieg der Roten Armee über die Finnen) im größten terroristischen Attentat in Schweden im 20. Jahrhundert entlädt: Am 3. März sprengt eine Gruppe von Männern das Gebäude der sozialistischen Zeitung Norrskensflamman in Luleå (Nordschweden, nahe der finnischen Grenze) in die Luft, mehrere Menschen sterben bei dem Anschlag.

ANN-MARIE LJUNGBERG zeichnet in ihrem spannenden Roman die Wochen vor und nach dem Attentat aus der Perspektive eines der Attentäter nach, des Journalisten Paul Wilhelmsson; dabei steht die psychische Verfassung im Vordergrund, das allmähliche Abtauchen in den finsteren Tunnel des Terrors. Warum werden Menschen zu Attentätern? Was ist moralisch vertretbar und was nicht? In Ann-Marie Ljungbergs Roman verwischen die Grenzen zwischen Eifer und Obsession, zwischen Engagement und Verbrechen, zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Realität und Einbildung. Ausgehend vom Gerichtsprozeß gegen die Täter erfährt der Leser in Zeitsprüngen erst nach und nach von den Ereignissen und erlebt mit, wie sich die Dynamik innerhalb der Gruppe der Attentäter verändert. Die Zeitsprünge werden dabei immer kleiner, bis die Woche des Attentats beginnt und die Nacht des Anschlags erzählt wird. Verstörend, spannend, informativ.
 
Leseprobe

Wilhelmsson wird als erster verhört. Er denkt, sie tun das aller Wahrscheinlichkeit nach deshalb, weil sie glauben, er sei derjenige, der am meisten aussagen wird. Und das berührt ihn unangenehm. Der Gerichtssaal schwankt vor ihm; er ist so voll besetzt mit neugierigen Menschen und Journalisten, daß die Luft zum Schneiden ist. Ihm kommt der Gedanke, daß er selbst an deren Stelle hätte sein können, damit beauftragt, genau darüber zu schreiben. Das hätte ihm gefallen: ein derart politisch brisanter Prozeß. Für eine Sekunde gelingt es ihm, sich selbst vorzumachen, er sitze tatsächlich zwischen den anderen Journalisten und berichte über den Prozeß. In den Bänken, die der Presse vorbehalten sind, hält er Ausschau nach sich selbst, und entdeckt wie von einem etwas abgelegenen Platz einige Bekannte. Von seiner eigenen Zeitung sieht er Granberg, der ihn mit seinen leuchtend blauen Augen fixiert. In seinem Blick liegt blankes Entsetzen, aber auch ein Anflug von Neugier. Seine ehemaligen Kollegen vom Norrländska sind auch hier. Dann überwältigt ihn noch tiefere Hoffnungslosigkeit, denn ihm wird wieder bewußt, daß das alles wirklich geschieht.

Wilhelmsson rennt, bleibt stehen, steht still. Kann sich nicht entscheiden, ob er sich der Straßenecke im Schutz der Dunkelheit der Häuserwände nähern, oder ob er ganz selbstverständlich in aller Ruhe mitten auf der hell erleuchteten Straße gehen soll. Seine Beine zittern, tragen ihn kaum. Sein rechter Knöchel ist verletzt. Er entscheidet sich schließlich für den Schatten an den Häuserwänden. Die Straßenlampen kommen ihm mit ihrem weißen elektrischen Licht so unbarmherzig vor, viel zu grell. Er horcht, versucht, die anderen zu hören, Schritte, Rufe, Stimmen, doch es herrscht absolute Stille. Er war es, der als letzter das Gebäude des Norrskensflamman verlassen hatte. Und nun? Er hört seine eigenen Atemzüge. Die kalte Luft sticht in der Lunge. Der Knöchel schmerzt und knickt bei jedem zweiten Schritt ein. Er hält inne, öffnet den Mund, will "Verdammt!" rufen, doch so etwas kommt ihm eigentlich niemals über die Lippen. Mit einem Mal ist der Himmel erleuchtet. Der Schein strahlt aus der Richtung, aus der er kommt, und leuchtet bis weit vor ihm. Alles ist hell, die Straße ist in klares Tageslicht getaucht, selbst die dunkelste Ecke. Und dann der Schlag. Er betäubt ihn. Das Geräusch von Glas, das zerbirst. Entfernt und sonderbar. Alle Versuche, sich zu verstecken, wären jetzt vergebens. Er sieht sich um, doch nicht eine Menschenseele ist in Sichtweite. Er geht weiter. Starr vor Schreck. Eine Hand vor dem Gesicht, die andere auf dem Bein, so, als wolle er versuchen, den verletzten Fuß auf Trab zu bringen. Sein Blick ist auf den schneebedeckten Bürgersteig gerichtet, dessen Begrenzung nur ein kleiner Schneewall ist. Der Lichtschein ist jetzt schwächer, und er muß einfach den Kopf drehen und kurz anhalten, um sich zu vergewissern, daß es kein Traum war, Einbildung, ein Hirngespinst seiner Überspanntheit. Er faßt sich an den Kopf, läßt die Hand wieder fallen und dreht sich um. Ja, es brennt, zweifellos. Ein gelber, wabernder Schein spiegelt sich in den Fenstern wider, auf den Mauern, im Himmel. Nun geht hinter einigen Fenstern das Licht an. Er dreht sich wieder um, biegt dann an der Stationsgatan um die Ecke und ist auf der Timmermansgatan angelangt. Nur noch ein paar Meter, die er halb laufend, halb hinkend zurücklegt, das Gesicht schmerzverzerrt. Die Gesichtsmuskeln wollen nicht gehorchen. Genau wie sein rechter Fuß, der die ganze Zeit ein bisschen schlackert. Er hat kein Gefühl mehr darin. Die Luft scheint in der Nase und im Brustkorb zu Eis zu erstarren, doch an seinem Rücken rinnt der Schweiß hinab. Er sieht die gerade Straße hinunter, die von schneebedeckten Birken gesäumt ist. Kein Auto. Er spürt, wie der Wahnsinn ihn ergreifen will, ihm sagt, er solle sich hinlegen, hier und jetzt, aufgeben.
ISBN: 978-3-938803-79-0
Autor: Ann-Marie Ljungberg
Seitenzahl: 250 Seiten
Erschienen: 28.06.2016
Format: Gebundene Ausgabe
Sprache: Deutsch
Stichwort: Geschichte, Roman, Schweden
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